[...]

„Er ist nicht verrückt!“

„Was?“ Die Reinigung seines Gewehres war längst erledigt. Mittlerweile saß er bei seiner Frau am Küchentisch und las die Zeitung. Jedenfalls bis eben. Nun blickte er über den Rand des Boulevardblattes. Verständnislos sah der Jäger seine Frau an.

„Der, der das geschrieben hat. Du wolltest vorhin wissen, was sich der Verrückte da zusammen gedichtet hat.“

„Also ist es doch interessant?“

„Er war ein ganz armer Mann. Hat seine Familie verloren, seine Arbeit, seine Wohnung, einfach alles.“

„Na und?“

Bestürzt fragte sie: „Wie kannst Du nur dazu na und sagen?“

„Ich meine, das ist zwar schrecklich, ja wirklich furchtbar, wenn man nichts mehr hat. Aber macht man deshalb dann so was? Wieso hatte er denn keine Wohnung mehr?“

„Hatte keine Arbeit, kein Geld. Eine Wohnung muss bezahlt werden.“

„Wir sind mitten in Deutschland, herrje. Da geht man zum Amt und gut is'.“

„Genau das wollte er nicht.“

„Wieso?“

„Er war ein ehrlicher und stolzer Mann.“

„Woher willst denn ausgerechnet Du das wissen? Und was heißt hier überhaupt Stolz? Was ist denn dabei, ein Formular auszufüllen? Bevor ich mich umbringe, kann ich doch wohl so'n Zettel ausfüllen. Was ist schon dabei? Sag es mir!“

[...]

Trotzig las sie weiter:

Mir fällt der letzte Festtagsbraten unserer letzten gemeinsamen Feier ein. Schön saftig und heiß war er! Mit einer leckeren Soße. Ich brauche etwas Wasser. Mein Mund ist ganz trocken. Meine Zunge fühlt sich an wie Sandpapier. Das Schlucken tut weh. Irgendwelche Beläge haben sich zu langen Fäden zusammengeschlossen. Vielleicht sind es auch kleine Hautstückchen. Es lässt sich nicht vermeiden, dass ich mir schon wieder mit meinen von Fäkalien beschmutzten Fingern in den Mund fasse. Am liebsten würde ich mir die Zunge abbürsten, damit die zahlreichen Bläschen verschwinden. Sie erinnern mich an eine ekelige Krötenhaut.

Die zunehmende Verschmutzung meiner Zähne und die wunden Stellen im Mund sind widerlich. Ich ertrage die fiesen Zähne nicht mehr in meinem Mund, einem Mund, dessen kaputter Gaumen Ähnlichkeit mit einem Skelett aufweist. Wenn man die Zunge hin und her bewegt, meint man über blanke Rippen zu rubbeln. Die Innenkanten der Zähne fühlen sich kaum anders an als der Gaumen selbst.

Am liebsten würde ich mir die Zähne herausreißen. Ich brauche sie ja sowieso nicht mehr. Mich selbst braucht auch keiner mehr. Habt ihr mich jemals gebraucht? Warum habt ihr mich verlassen?

Die letzte Frage schien ihr durchaus berechtigt zu sein. Vielleicht war er doch nicht so anständig wie sie zunächst dachte. Eventuell hatte der Sterbende etwas zu verbergen, versuchte, sich ins rechte Licht zu rücken. Was, wenn er sich an seiner Tochter vergangen hatte? Was, wenn er seine Frau betrogen hatte? Was, wenn ...? Hatte sie überhaupt ein Recht, Fragen dieser Art zu stellen? Durfte sie an seinem Anstand zweifeln, ihm eine Mitschuld an seiner Situation zuweisen? Nie zuvor hatten sie Fragen wie diese gequält. Die Wirkung seines Schicksals auf eine Frau wie sie war außergewöhnlich, so außergewöhnlich wie der seltsame Fall des Verstorbenen selbst.